Ein gewöhnlicher Nachmittag in der Ellwanger Siemensstraße. Verkehr, Passanten, Alltag. Plötzlich winkt eine Frau hektisch am Straßenrand. Wenige Meter weiter liegt ein Mann regungslos neben seinem Fahrrad. Herzstillstand. Was dann geschieht, zeigt eindrucksvoll, wie wichtig ein starkes Netzwerk aus engagierten Ersthelfenden ist – und wie entscheidend moderne Alarmierungssysteme sein können.
Christian Schönherr will gerade seinen Arbeitsplatz verlassen, die Feuerwehr in Ellwangen, als er auf das Szenario aufmerksam wird. Der 45-Jährige stellt sofort sein Auto ab und beginnt mit der Herzdruckmassage. Zeitgleich geht bei seinem Kollegen Fabian Gold im Gerätehaus der Alarm auf dem Handy los. Er ist als qualifizierter Helfer in der „corhelper“-App registriert - die intelligente Alarmierungs-App für registrierte Lebensretter im Ostalbkreis. „Ich habe mir den Defibrillator und den Rettungsrucksack geschnappt und bin los“, so der 33-Jährige. Der Einsatzort wird ihm in der App angezeigt. Nur 20 Meter vom Feuerwehrhaus entfernt.
Dort trifft er auf seinen Kollegen Schönherr. Zusammen setzen die geschulten Ersthelfer den AED (Automatisierter Externer Defibrillator) ein. Sie kleben die Elektroden am Oberkörper des regungslosen Mannes an. Das Gerät erkennt Kammerflimmern und gibt die Anweisung „Schock abgeben“, also den entsprechenden Knopf am Gerät drücken. Anschließend geht es mit der Herz-Lungen-Wiederbelebung weiter. Wenige Minuten später trifft der Notarzt ein, auch er setzt nochmals den AED an. Banges Warten, das sich wie eine Ewigkeit anfühlt. Gibt der Defi Entwarnung? Hat sich die andauernde Herzdruckmassage gelohnt? Christian Schönherr erinnert sich: „Es war anstrengend, alle zwei Minuten haben wir uns abgelöst.“ Dann endlich Entwarnung: der 66-Jährige zeigt Lebenszeichen.
Während der Reanimationsmaßnahmen sammelten sich zahlreiche Schaulustige am Einsatzort. Auf Nachfrage wollte jedoch niemand aktiv unterstützen. Um die Privatsphäre des Patienten zu wahren, positionierten die Ersthelfer ihre Fahrzeuge als Sichtschutz.
„Vielleicht war die Unsicherheit groß – aber bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand ist der größte Fehler, nichts zu tun“, betont der erfahrene Helfer. „Jede Herzdruckmassage zählt.“
Noch bevor der Rettungsdienst eintrifft, beginnt die Rettungskette.
Der 66-jährige Mann hat überlebt – ohne bleibende Schäden. Dass er heute wieder wohlauf ist, verdankt er dem schnellen Eingreifen geschulter Ersthelfender und einem digitalen System, das Hilfe dorthin bringt, wo sie gebraucht wird.
Das „Team Ostalb“ wurde vom DRK-Kreisverband Aalen e. V. ins Leben gerufen und besteht aus ehrenamtlichen Ersthelfenden, die bei Herz-Kreislauf-Stillständen alarmiert werden. Ihr Ziel: möglichst früh mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen zu können, um Überlebenschancen deutlich zu erhöhen.
Über die App „corhelper“ werden bei einem Notruf wegen Herzstillstands automatisch qualifizierte Ersthelfende in unmittelbarer Nähe alarmiert. Parallel zu Rettungsdienst und Helfer-vor-Ort-Gruppen aktiviert die Leitstelle drei registrierte Personen: Zwei Helfende gehen direkt zum Einsatzort, eine dritte Person bringt den nächstgelegenen Defibrillator.
Gerade in einem Flächenlandkreis wie dem Ostalbkreis kann dies über Leben und Tod entscheiden. Denn bei einem Herz-Kreislauf-Stillstand sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit mit jeder Minute ohne Maßnahmen drastisch. Seit Einführung der App in Ostwürttemberg im Jahr 2025 haben sich bereits rund 1.000 Ehrenamtliche im Ostalbkreis und im Landkreis Heidenheim registriert. „Doch für ein flächendeckend dichtes Netz werden deutlich mehr engagierte Menschen benötigt“, so Mattias Wagner, Geschäftsführer beim DRK Aalen.
Mitmachen beim Team Ostalb
Wer medizinisch qualifiziert ist – etwa durch eine Sanitätsausbildung, eine rettungsdienstliche oder pflegerische Tätigkeit – kann Teil des „Team Ostalb“ werden und sich über die „corhelper“-App registrieren. Das DRK prüft die Nachweise und schaltet geeignete Helfende für die Alarmierung frei.
Jede zusätzliche Anmeldung erhöht die Chance, dass im entscheidenden Moment jemand in unmittelbarer Nähe ist, der helfen kann. Interessierte können sich die App unter www.team-ostalb.de herunterladen.
Auch Christian Schönherr, der per Zufall als erster Helfer am Einsatzort war, ist mittlerweile in der App registriert. „Und viele weitere Feuerwehr-Kameraden haben wir überzeugt.“, erzählt Fabian Gold, „Denn wir möchten das Überleben von Betroffenen nicht dem Zufall überlassen.“ Besonders heben beide auch die Unterstützung ihres Vorgesetzten hervor, der Einsätze während der Arbeitszeit ermöglicht.
Reanimation sichtbar machen
Wie Wiederbelebung funktioniert und wie wichtig schnelles Handeln ist, können Interessierte am 6. Juni auf der Landesgartenschau in Ellwangen erleben. Dort finden von 10 bis 14 Uhr die zweiten Deutschen Meisterschaften der Laien-Reanimation statt – organisiert vom Rotary-Club Ellwangen und dem DRK-Kreisverband Aalen.
Ziel ist es, Berührungsängste abzubauen und möglichst viele Menschen für Erste Hilfe zu sensibilisieren.
Blick in die Zukunft: Defi-Drohne für abgelegene Einsatzorte
Neben der Stärkung des Helfernetzes arbeitet der DRK-Kreisverband Aalen an einem innovativen Pilotprojekt: Eine Defibrillator-Drohne soll künftig schwer erreichbare Einsatzorte anfliegen und ein AED-Gerät gezielt zu Ersthelfenden bringen. Die Förderung des Projekts ist derzeit beantrag und Kontakt zu Drohnenherstellern aufgenommen.
Der gerettete 66-Jährige hatte großes Glück. Doch das Ziel des DRK ist klar: Glück soll keine Voraussetzung für das Überleben sein.
Mit dem „Team Ostalb“ und der „corhelper“-App entsteht ein Netzwerk, das Leben schützt – schnell, koordiniert und ehrenamtlich getragen. Denn bei einem Herzstillstand zählt jede Minute.
